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Lehrkraft für die Ewigkeit – Karl Wöbcken

Was hat ein Mensch, der auf seinem Grabstein „Du musst glauben, du musst wagen.“ stehen hat wohl für ein Leben gehabt? Welche Menschen haben dieses Leben wiederum maßgeblich beeinflusst? Darum soll es gehen in diesem Artikel. Und um die weit unterschätzte Wirkkraft einer Lehrperson auf das Leben ihrer SchülerInnen. Um das Überdauern von Werten und Geschichten, weit über die bloße Schulzeit hinaus.

Der Grabstein und seine Inschrift gehören zu Helene Lange

Helene Lange konstatiert in ihren Autobiographie, dass ihr „ganzes Leben im Dienst e i n e s Gedankens, e i n e r Erkenntnis gestanden hat und verflossen ist in dem heißen Ringen, sie in Wirklichkeit umzusetzen.“ (Lange 1921, S. 3). 

Helene Lange ist eine Kämpferin, Vorreiterin und sehr mutige Frau gewesen, die trotz ihrer Durchsetzungskraft nie an eigener Sanftheit und Empathie eingebüßt hat. Helene Lange findet man bei Wikipedia als Pädagogin und Politikerin. Sie wäre doch eigentlich die geeignete Lehrkraft für die Ewigkeit. Sie hat unglaublich viel für die Frauenbewegung und Frauenbildung getan, in einer Zeit, wo das alles andere als common sense war. Mit Sicherheit hat sie das Leben ihrer Schülerinnen seinerzeit auch maßgeblich beeinflusst und geprägt. Aber über Helene Lange möchte ich nicht sprechen, obwohl jedes Wort es wert wäre. Mich interessiert zu wem Helene Lange aufgeschaut hat und wer sie, jenseits von ihrem Elternhaus, geprägt und beeinflusst hat. Woher kam der Mut und die seelische Stärke dieser Frau? Ihre Mutter ist früh verstorben. Helene war gerade 6 Jahre alt und schreibt „Ich habe meine Mutter schmerzlich vermißt, hätte es aber um die Welt niemand merken lassen. Immer malte ich mir abends im Bett aus, daß sie doch vielleicht nicht tot sei und eines Tages wiederkommen könne.“ (ebd. S. 23). Ihr Vater stirbt 10 Jahre später. Helene Lange ist mit 16 Jahren Vollwaise. In so einem Fall wiegt der Einfluss von Lehrkräften vielleicht besonders stark.

Ein Lehrer für die Ewigkeit: Karl Wöbcken (1830-1896)

Ob Karl Wöbcken wohl wusste, was aus seiner Schülerin Helene mal werden würde? Ob er eine Ahnung hatte, dass er in ihren Lebenserinnerungen, die sie 1920 zu Papier brachte auf mehreren Seiten Erwähnung finden. Ich werde weiter unten einen Hinweis liefern, dass es wahrscheinlich nicht so wahr und Karl Wöbcken selbst zu Wort kommen lassen. Helene Lange jedenfalls schreibt über ihn:

„Der Lehrer, der den maßgebenden Einfluß in der Schule hatte und in dessen Händen auch die geistige Leitung lag, war Karl Wöbcken, der spätere Direktor der Cäcilienschule in Oldenburg. Er war ein in jeder  Beziehung idealer Lehrer, wie mir keiner im Leben wieder begegnet ist.“

Wow, das sitzt. Mehr geht irgendwie gar nicht als Lehrkraft. Ein idealer Lehrer, in jeder Beziehung sein? Wie geht das?

Schauen wir uns Karl Wöbcken mal an, was macht ihn dermaßen unsterblich? Hier ein Foto von ihm, dass ich wegen des Urheberrechts nur verlinke.

Die Punkte, die Helene Lange aufführt sind sehr genau und wunderbar formuliert: 

  • er ist geleitet von „freundlicher Teilnahme an der Kinderseele
  • ein „reiner und auf höchste Ziele gerichteter Mensch“
  • jemand, der seinen SchülerInnen vermittelte, dass im Leben nicht die Güter das das Höchste sind
  • der „in seinen Stunden wusste Eigenes zu geben, das fühlten wir“

Und wahrscheinlich hat er Helene Lange auch mitgeprägt auf ihrem Weg als Frauenrechtlerin, denn auch dazu schreibt sie: „Es hat sicherlich kein Mann ritterlicher über die Frauen gedacht und ritterlicher der eigenen, sehr zarten und kränklichen Frau sein Leben angepaßt als Wöbcken.“

Karl Wöbcken war der Sohn von Johan Wöbcken und lebte von von 1830 – 1896.  Sehr viel findet man über ihn nicht. Einen Wikipedia Eintrag gibt es nur von seinem Vater. Er hat einige Bücher geschrieben, seine Personalakte bei der Stadt Oldenburg ist leider nicht digitalisiert.

Aber lassen wir ihn doch mal zu Wort kommen. Wie hat ein solch beeindruckender Lehrer selbst über seinen Beruf gedacht?

„Ohne Zweifel gehört auch das zu den Schweren unsres Berufes, daß wir verhältnismäßig so wenig Erfolg unsrer Arbeit sehen“

Ja, hört hört. DAS schreibt Karl Wöbcken 1876 in seinem Buch „Aus der Mädchenschule: Gedenkworte zur Beherzigung und Erhebung für deutsche Frauen und Mädchen“  auf Seite 75.  Er führt den Gedanken weiter, indem er im nächsten Satz schreibt: „Ja, wie wer der Baumeister sehen könnte, wie die Steine sich fügen, wie die Pfeiler und Wände und Hallen erstehen, wie endlich das Dach darüber sich wölbt und das ganze in sauberer Schönheit dasteht, der könnte wohl in trüber Stunde und bei verzagtem Muth darauf zurück sehen und sich sagen; Nun, das habe ich doch erreicht, das wird mein kurzes Erdenleben überdauern! – Ein derartiges Schauen unsrer Wirksamkeit, unsrer Erfolge bleibt uns in den meisten Fällen vielleicht versagt. „

Das kurze Erdenleben überdauern? Das waren die Gedanken des Lehrer Wöbckens zur Bedeutung der Lehrperson? Ich finde das beeindruckend und berührend. Und ich wundere mich gar kein bisschen mehr, dass genau er das geschafft hat. Er  hat sein kurzes Erdenleben überdauert. Helene Lange, seine Schülerin, eine von vielen, hat ihn am Leben erhalten, weil er ihr Leben durch seine Wirkkraft beeinflusst hat. 

Er war sich genau des Themas, dessen ich mich hier widmen will, voll bewusst.  Er spricht auch von den Talfahrten im Lehrerdasein, den „trüben Stunden“ und dem „verzaktem Muth“. Da lese ich heraus, dass es jemand war, der mit vollem Herzen dabei war, der sich und sein Handeln reflektiert und eigene Fehler eingestanden hat.

Und sicherlich hat er nicht nur das Leben von Helene Lange beeinflusst. Ich bin mir sicher, könnten wir die übrigen Schülerinnen von Karl Wöbcken hören, so würden sich viele dieser schönen Sätze, die Helene Lange gefunden hat, wiederholen.

Und auch das musste ich auf BlogArtikel-Länge eindampfen. Aber zum Schluss, lassen wir ihn nochmal zu Wort kommen, den unsterblichen Herrn Wöbcken, der beweist, dass es nicht egal ist, was wir als Lehrkräfte leisten. Er hat den ultimativen Tipp für uns alle:

Unsere Arbeit ist eine Arbeit auf Hoffnung, im Glauben.

Und damit schließt sich so wunderbar der Kreis zur Grabinschrift von Helene Lange. Aber Karl Wöbcken sagt noch etwas mehr, er schreibt weiter: „Ist es ein Menschenwürdiges, was wir darbieten, hat es sich an uns selbst als eine Lebenskraft, als unsre Persönlichkeit fördernd und entfaltend erwiesen, so kann es nicht durchaus unfruchtbar bleiben. Mag es auch jahrelang im Schülergeiste schlummern […] muss es zu seiner Zeit noch seine Wirkung äußern.“ (ebd. S. 75)

Gerne hätte ich Karl Wöbcken für meine Dissertation interviewt. Vielleicht erstelle ich mal ein Phantasie-Protokoll, und lege ihm die Worte in den Mund, die ich ihm zugetraut hätte. Das wäre ein feines Projekt.

Literatur

Wer Lust hat selbst nachzulesen, dem empfehle ich die kostenlos verfügbaren folgenden Bücher:

Lange, Helene (1920): Lebenserinnerungen, via Amazon Kindle (free): hier

Wöbcken, Karl (1876): Aus der Mädchenschule: Gedenkworte zur Beherzigung und Erhebung für deutsche Frauen und Mädchen, via Google Books: hier

Schulpost mit AHa

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