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Schule 2021: meine betrübte Prognose für unser Schulsystem

Ja, ich bin Optimistin. Durch und durch. Und trotzdem sehe ich schwarz. Schwarz für die Schule in 2021. Ich habe das Schul- und Bildungssystem schon mal mit einer 80 jährigen (ehemaligen!) Prima Ballerina verglichen (hier in diesem Artikel). Diesmal würde ich sagen, es wird ein fataler Schnellschuss (also schnell natürlich relativ gesehen, wir reden ja immer noch vom Schulsystem und der Bildungspolitik!). Hier kommt meine Prognose:

Warum Schule mit Corona überfordert ist und es auch 2021 bleiben wird

Fangen wir mal beim Status Quo an, sozusagen die Grundlagen dieser Prognose:

 

  • Im März 2020 war der erste Lockdown. Schulen wurden geschlossen. Dann, nach Ostern, wieder geöffnet. Danach hatten wir 7 Monate Zeit. Dann war Oktober 2020. Und es kam – völlig überraschend, der Winter. Allen war klar, dass wird wieder Hochkonjunktur für den Virus. Aber was ist in den Schulen denn eigentlich bis dahin passiert? Welche Konzepte wurde verabschiedet und unterstützt? Welche Idee kam aus den Ministerien?
  • Stoßlüften. Querlüften. Kein Sport, kein Singen, Mundschutz-Pflicht und, ganz aktuell, seit dem 8.12.20 haben wir noch den Tipp der Frau Bundeskanzlerin bekommen: gegen die Kälte Kniebeugen zu machen. Und wärmer anziehen. Danke, sehr freundlich.
  • Ganz ehrlich? Welche Prognose würden Sie so einem System für das kommende Jahr ausstellen?
  • Es wurde von ministerieller Seite nicht ein Versuch unternommen zum Beispiel die Anzahl der Leistungsnachweise zu reduzieren, um etwas Druck von den Lehrkräften und SchülernInnen zu nehmen. Oder Lüftungsanlagen zu installieren, die ein Unterrichten im Temperaturbereich der Packeisgrenze überflüssig gemacht hätten. 

Soziale Herkunft bestimmt maßgeblich über Bildungschancen

Es ist ja nicht so, dass es erst seit Corona die Forderung nach einer Veränderung des Schulsystems gäbe. Immer noch bedingt die soziale Herkunft der Lernenden ihren Schulerfolg und damit (meistens) auch den Lebensweg den sie einschlagen können. Nennt man kurz: Bildungsungerechtigkeit. Seit Jahren ist das so und spätestens seit PISA 2000 wird versucht das irgendwie zu ändern. 

Corona als Brennglas für die herrschende Bildungsungerechtigkeit

Lange Lernpausen lassen die Bildungsschere stärker auseinander gehen. Im Lockdown noch mehr als in den Ferien. Denn wenn es um das Homeschooling geht, ist das „Home“ entscheidend: Und da ist es nicht immer nur schön, liebevoll, weltoffen und bildungsnah. Die Ungerechtigkeit schlägt dort voll zu. Es gilt das Matthäus-Prinzip: Wer hat, dem wird gegeben. 

Ich habe es ja gerade gesagt, ein lange bekanntes Problem, dass wir seit Jahrzehnten versuchen zu beheben. Corona hat erstmal gar nichts damit zu tun, aber hat es eben noch einmal verdeutlicht:

Bildungsungleichheit ist eine deutsche Altlast

Schreiben Geißler und Weber-Menges 2010 in dem Buch „Bildungsverlierer“ (hier). Ja und so ist es immer noch. Seit Jahrzehnten. Präsenzunterricht war bisher die beste Lösung, dieser Ungerechtigkeit zu begegnen. Einfach weil die Kinder dann nicht in ihrem „Milieu“ agieren, sondern in der Schule unter einigermaßen gleichen Bedingungen an Informationen, Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten gelangen. Außerdem gibt es in Schule noch viel mehr als das, nämlich BEZIEHUNGSLERNEN, gelebte EMPATHIE, FREUNDSCHAFT, VERTRAUEN….und und und. Und es gibt jemanden, der auf die wartet, der dich vermisst, wenn du nicht da bist und der dir zuhört. Das geht nicht digital. ES GEHT NICHT.

Das Problem: das Schulsystem setzt schon wieder auf das falsche Pferd

Jetzt kommen wir zu meiner Prognose. Ein kurzer Rückblick: Anfang der 2000er Jahre, der PISA-Schock. Schnell wurde gegengesteuert: Es war wichtig, was beim Unterricht rauskommt: Outputorientierung ist hier das Stichwort, die Folge: teaching to the test. Dabei sind viele Sachen hinten runter gefallen, dazu komme ich noch mal an anderer Stelle. Erst langsam erholen wir uns von diesem „Bildungs-Ruck“, der da durch die Klassenräume des Landes fegte. Und nun droht der nächste, aus der Not geborene Ruck:

2021 wird das Schulsystem wieder einen großen Fehler machen: es wird auf Fernunterricht setzen

Fernunterricht als Lösung unserer Probleme, es wird momentan viel Zeit, Geld und Druck in die komplette Digitalisierung der Schulen gesteckt. Aber Fernunterricht wird niemals so gut werden wie Präsenzunterricht. Egal wie genial er ist und wie viele Tablets das Land sponsort. Denn es fehlt das soziale Miteinander und es fehlt der neutrale Boden der Schule, der wenigstens ein bisschen für Bildungsgerechtigkeit sorgen kann.

Digitalisierung: Ja, aber bitte als ERGÄNZUNG zum Präsenzunterricht, nicht als ERSATZ für diesen.

Soziale Herkunft und Bildungschancen hängen immer noch stark miteinander zusammen. Kinder müssen in die Schule gehen können, um den Einfluss ihrer sozialen Herkunft (einigermaßen) entfliehen zu können. Bitte, liebe Bildungspolitiker. Lasst diese Kinder nicht allein!

Mehr Lehrkräfte wären eine Lösung, bessere Grundlagen für Hygienemaßnahmen schaffen (jedes Klassenzimmer ein Waschbecken, Lüftungsanlagen, größere Räume,…) wäre ein Anfang.

Aber nein, ich sehe es kommen, ich sehe schwarz.

 

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